Zur Pädagogik des inklusiven Kinder- und Jugendreisens

Mit den Begriffen Subjektorientierung, Partizipation, Freiwilligkeit und Empowerment sind vier zentrale Elemente einer Pädagogik des inklusiven Kinder- und Jugendreisens benannt, die eng miteinander verbunden sind:

  • Subjektorientierung als grundlegende pädagogische Haltung meint ein Wahrnehmen und Ernstnehmen des Gegenübers als handlungsfähiges Subjekt. Subjektorientierung ist orientiert an den Bedarfen und Ressourcen des Gegenübers, ist jedoch mehr und anderes als eine individuell ausgerichtete „Betreuung“, wobei sie diese nicht ausschließt. Subjektorientierung fordert und fördert den Eigensinn des Gegenübers, was die Bereitschaft zum Aushandeln und Aushalten von Entscheidungen voraussetzt.
  • Partizipation als pädagogisches Ziel und Mittel setzt also eine subjektorientierte Haltung voraus. Sie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern muss – von allen Beteiligten – gelernt werden: Teilnehmende müssen sich artikulieren und Entscheidungen für sich selbst und in der Gruppe treffen können, Verantwortliche bzw. Leitungspersonen müssen entsprechende Prozesse zulassen, ihre eigene Position nachvollziehbar vertreten und Entscheidungen akzeptieren und ggf. aushalten können. Partizipative Prozesse müssen so ablaufen, dass tatsächlich alle (entsprechend bspw. ihrer jeweiligen Kommunikationsarten und -fähigkeiten) eingebunden werden können und sie müssen entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen, um nicht nur eine Alibi-Funktion zu erfüllen.
  • Auf einer überindividuellen Ebene zielen so gestaltete partizipative Prozesse auf Empowerment im politischen und gesellschaftlichen Sinne, auf die Fähigkeit und den Mut, die Stimme zu erheben und für die eigenen Rechte bzw. die Rechte der eigenen Bezugsgruppe (bspw. Jugendlicher) einzutreten.
  • Freiwilligkeit ist sowohl zentrales Grundprinzip der Jugendarbeit als auch Voraussetzung für Selbstbestimmung, welche zu den wichtigsten Zielsetzungen der Behindertenhilfe gehört. Voraussetzung für Freiwilligkeit ist jedoch, Wahlmöglichkeiten zu haben. Auf unterschiedlichen Ebenen sind diese in unterschiedlichem Maße gegeben. Hinsichtlich der Auswahl einer Reise ist die Wahlfreiheit für Jugendliche mit und ohne Behinderung unterschiedlich groß und damit die Freiwilligkeit der Teilnahme an einer Reise unterschiedlich ausgeprägt. Aber auch während einer Reise kann Freiwilligkeit ermöglicht oder verhindert werden (bspw. bei der Auswahl der Zimmernachbar*innen, die für Rollstuhlfahrer*innen häufig dadurch eingeschränkt ist, dass es nur ein rollstuhlgerechtes Zimmer gibt, oder bei der Wahl zwischen Teilnahme und Nicht-Teilnahme an bestimmten Programmelementen); wirkliche Wahlfreiheit und damit Möglichkeit zur Freiwilligkeit entsteht, wenn Angebote interessenorientiert gestaltet sind und gewählt werden können.

Alle vier Aspekte – Subjektorientierung, Partizipation, Empowerment und Freiwilligkeit – setzen eine selbstkritische Auseinandersetzung mit Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen voraus.
Dies schließt beispielsweise die Frage mit ein, wer wen wie und auf welchem Wege worüber informiert: nur auf der Grundlage von Information können Entscheidungen getroffen werden, weshalb durch (Nicht-)Information und (In-)Transparenz Entscheidungen bewusst oder unbewusst manipuliert werden können.

Eine konsequente Umsetzung dieser vier Aspekte setzt die Bereitschaft zum Aushandeln und Aushalten voraus, auch zum Aushalten von Unplanbarkeit und Unvorhersehbarkeit.